Jaime Caso Villavicencio

LA VIDA… ES UN MOMENTO DE MAGIA
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Csörgő Zoltán: Interview mit Jaime Caso

Vor kurzem, als ich einen Vortrag über den Archetypus des Spaßvogels hielt, durchstreifte ich meiner Gewohnheit folgend ein bestimmtes Areal meines Gedächtnisses – meine Seele ist wie ein mit Telefonnummern, Gesichtern und Namen angefülltes Notizbuch – wen ich wohl finden würde, der diese ursprüngliche Kraft am besten verkörpert? Unter den ersten der vor meinem inneren Auge auftauchenden Namen war der meines Freundes Jaime Caso. Jaime kommt aus Peru und ist indianischer Abstammung. Aber er ist nicht einer der Musiker, die durch die Welt reisen und ihre exotischen Lieder auf den Straßen und Plätzen der Städte darbieten. Dann ist er schon eher ein Tänzer, aber auch das ist nicht richtig, denn er ist noch viel, viel mehr: Märchenerzähler, Fremdenführer, Philosoph. Alle diese Facetten kamen zum Vorschein, während ich mich mit ihm unterhielt, nur eine nicht, die, weshalb ich dieses Gespräch mit ihm führte – der Heiler. Wenn ich ihn dazu befragte, schien es, als ob er die Worte suchen müsste. Und doch habe ich ein umfassendes Bild von diesem faszinierenden Menschen gewonnen, der nunmehr schon seit 10 Jahren unter uns in Budapest lebt.

Würdest du einmal deinen vollständigen und unglaublich schön klingenden Namen nennen?

Jaime Wilver Caso Villavicencio.

Ist das schon alles?

Nein. Mein indianischer Vorname ist Ñuticha (gesprochen: Njutitscha), was so viel bedeutet wie „überaus witzig, lustig“. Die eigentliche Bedeutung des Namens ist „Schlingel, Lausbube“, aber heutzutage werden hauptsächlich Menschen so genannt, die kommen und gehen, spielen, mit den Leuten reden, ein bisschen Blödsinn machen, manchmal ernst sind, dann wieder spöttisch. Mit einem Wort, Menschen, die so sind, wie ich. Mich hat mein Freund Amanuta so genannt. Er ist Pfarrer in den Anden, geistiger Führer und eben, mein Freund. Er hat mir das Tanzen erst richtig beigebracht, denn er hat mich die Seele des Tanzes gelehrt.

War er dein Lehrmeister?

Jeder ist mein Lehrmeister. Jetzt bist du es, weil du diesen Artikel schreibst und ich dadurch mehr über mein Leben erfahre. Damit schaue ich auch nach vorn. Wir sagen, dass die Vergangenheit vor uns liegt, denn die können wir sehen, und hinter unserem Rücken liegt die Zukunft. Es gibt keine Aufzeichnungen darüber, wer ich bin, wer ich war.

Verstehe ich das richtig, du möchtest aus diesem Artikel auch erfahren, wer du bist?

Eigentlich kann ich gar nicht wissen, was ich bisher gemacht habe und was bisher in meinem Leben passiert ist. Bald werde ich neununddreißig, oder achtundsiebzig. Ich erlebe in diesem Leben jeden Augenblick doppelt. Das heißt auch, dass ich die einzelnen Augenblicke besser zu schätzen weiß. Frühmorgens, wenn ich aufstehe, sage ich mir: Das, was bisher war, ist meine Vergangenheit, das ist mein gestorbenes Leben, aber genau jetzt, in der nächsten Sekunde, beginnt mein zukünftiges Leben. Viele denken, dass die Gegenwart das Wichtigste sei, aber alles ist gleich wichtig, die Vergangenheit und auch die Zukunft. Alles, was in meinem Leben geschieht, ist wichtig, selbst dann, wenn ich meine, dass es nicht so toll ist, denn dann lerne ich mehr. Wenn es eine Gefahr gibt, muss ich weiter gehen, denn dann lerne ich mehr, als wenn ich sie vermeiden würde. Das ist ungefähr so, wie wenn wir in einem Wald spazieren gehen. Die erste Hälfte, bis wir in der Mitte angekommen sind, entspricht dem Problem, die zweite Hälfte ist dann die Lösung.

Fangen wir am Anfang des Waldes an! Wo bist du geboren?

Ich bin in den Anden, in Zentralperu, auf 3400 Meter Höhe, in der Stadt Huancayo geboren. Wir sind sieben Geschwister, ich bin der mittlere. Als ich zehn Jahre alt war, sind wir in ein Dorf gezogen. Bis zu diesem Zeitpunkt sind wir viel in den hohen Bergen durch die vier-, fünftausend Meter hoch gelegenen Dörfer gereist. Mein Vater wurde in den Bergen geboren und seine Familie lebte dort. In den Ferien sind wir immer zu ihnen gefahren. In unserer Familie sind praktisch alle Mestizen, nur meine Großmutter nicht, sie spricht auch nur Quechua. Es kommt selten vor, dass jemand nur indianisches Blut in seinen Adern hat. Aber unsere Traditionen und unser Erbe stammen von den Quechua-Indianern ab. Obwohl, da wo ich geboren bin, das ist nicht einmal Quechua-Gebiet, sondern das Gebiet einer sehr alten, kämpferischen Vor-Quechua-Kultur, der Huanca-Kultur. Huanca bedeutet: heiliger Platz, oder auch: Ort des Steines.

Was sind deine schönsten Erinnerungen an deine frühe Kindheit?

Meine schönste Erinnerung ist, als ich fünf Jahre alt war und mein Vater plötzlich als Tänzer vor mir stand. Bis dahin hatte ich ihn nicht tanzen gesehen. Er war Lastwagenfahrer und viel unterwegs. In diesem Augenblick habe ich sofort gewusst, dass ich auch Tänzer werden will. Das ist ja nur natürlich, zu wem schaut ein kleiner Junge auf, wenn nicht zu seinem Vater? Von da an tanzte ich immer, ich übte viel, in jeder freien Minute, selbst als ich abends ein Bad nahm, waren die Musik und die Schritte in mir und in meinen Beinen. Ich galt nicht als begabt, aber ich war ausdauernd. Ich tanzte, aber nicht richtig. Dann hat mir dieser Mann, der mir den Namen Ñuticha gab,  sehr viel gezeigt. Er zeigte mir, wie man die Schritte setzen muss und vor allem hat er meine Begeisterung wach gehalten und gesagt, dass ich meine Träume nicht aufgeben darf. Es gab einen Schritt – den Drosselschritt – der klappte einfach nicht, obwohl ich ihn jahrelang übte. Und dann habe ich in diesen Schritt hineingespürt und auf einmal ging es, jetzt war es ganz leicht und ich konnte gar nicht mehr verstehen, warum es bis dahin so schwer war. Irgend etwas war da – was es war, weiß ich immer noch nicht – weshalb ich den Schritt so lange nicht erlernen konnte. Da war sicher eine Botschaft, vielleicht die, dass man die leichtesten Sachen manchmal nur ganz schwer lernt. Das ist so wie mit den kleinen Kieselsteinchen, die auf der Straße liegen, und über die wir einfach hinweglaufen, während wir um die großen Steine herumgehen müssen. Dabei sieht es so aus, als ob für mich die Kieselsteinchen wichtiger wären als die großen Brocken, denn die kleinen Dinge interessieren mich mehr, auf sie achte ich mehr.

Inwieweit war zu deiner Kinderzeit Tanzen ein Teil des Lebens in Peru?

Wir tanzten zu allen Festen und bei Heilhandlungen spielte das Tanzen auch eine sehr wichtige Rolle. Tanzend heilten wir, tanzend vertrieben wir die Traurigkeit, wir tanzten „den Blitz vom Himmel herunter“, mit Tänzen segneten wir die Mutter Erde bei der Ernte und der Drosselschritt, der so schwer war, erzählt, wie man Paprika und Mais zermahlt. Es gibt enorm viele Schritte, viele verschiedene Tänze, deren Beherrschung für mich sehr wichtig war. Ich glaubte, dass dies mein Weg sei. Für meine Eltern war es sehr schwer, das zu akzeptieren, und auch, dass ich anfangs zwar nur Tage, später aber Wochen und Monate von zu Hause fort war. Für mich war es wie ein Spiel, aber ein leidenschaftliches. Manchmal litten wir sehr, während wir tanzten, denn wir tanzten immer barfuß, egal ob es auf steinigem Untergrund oder in fünftausend Metern Höhe war oder ob wir vier Tage lang durchtanzten, so dass wir unsere blutenden Füße nicht mehr spürten, aber das war ja nur eine Form der Mutter Erde unseren Dank darzubringen. Tanzen ist Stampfen, gemeinsames Stampfen, Zusammensein mit der Mutter Erde. Nach dem Tanzen riefen sie uns zum Essen. Dann setzte ich mich meistens zu den alten Männern. Die Alten fragten mich, wo und warum ich tanzen gelernt habe. Und ich sprach mit ihnen. Manchmal saßen einige der Männer, die die alten Weisheiten hüteten, unter uns. Sie wussten viel von den Kräften. Interessant ist, dass ich mit diesen Männern nie sprach, wir sahen uns nur aufmerksam an, aber in diesen Augenblicken des Anschauens gaben sie mir sehr viel weiter.

Hast du das Meiste in diesen Augenblicken gelernt?

Einesteils ja. Über den anderen Teil kann ich nicht sprechen. Es ist kein Geheimnis, aber es gibt keine Worte dafür. Einweihungen, sagen wir so. Proben, Unterweisungen. Es ist nicht egal, mit wem und wie wir mit jemandem sprechen, denn aus allem kann man lernen. Als ich Kind war, habe ich oft von Menschen erzählen hören, Menschen, die nicht einmal von allen persönlich gesehen worden waren, die aber sehr weise waren. Später gab es auch Augenblicke in meinem Leben, als ich, angetrieben von einem besonderen Gefühl, auf den ersten Blick sonderbar erscheinende Menschen auf ihrem Weg, wer weiß wohin, begleitete. Selbst ganze Nächte hindurch trottete ich neben ihnen hoch oben in den Bergen her. Wir sprachen kein Wort, aber es erreichten mich unendlich viele Zeichen. Die Zeit, die ich mit ihnen verbrachte, war keine Illusion, sondern sehr real, alles, selbst dann, wenn sich herausstellte, dass die, die ich begleitete, dort, wo sie hingingen, von niemandem gekannt wurden.

Das klingt sehr mystisch. Aber genau so mystisch ist, wie du nach Ungarn gekommen bist.

1997 lernte ich in Ecuador eine ungarische Band, die Los Andinos, kennen. Sie spielten und unterrichteten südamerikanische Musik. Ich habe Volkstanz gelernt und gelehrt und auf meinen Reisen bin ich einmal in Ecuador hängen geblieben, denn dort leben andere Völker und es gibt andere Tänze als in Peru. Ich traf dort auch auf meinen Lehrer und späteren Freund, von dem ich viel über die Energien erfuhr. Ein halbes Jahr reiste ich mit der ungarischen Band umher. Dann luden sie mich nach Ungarn ein, um hier Tanz zu unterrichten. Meine Ankunft in Ungarn war wie eine Neugeburt, alles war vollkommen neu, auch die Sprache. Für mich war es dann ein besonderes Erlebnis, wie ich Ungarisch lernte. Ich sog nämlich die Sprache einfach in mich auf, und zwar dadurch, dass ich erfühlte, was die Leute sagen wollten. Interessant ist auch, dass später, über Jahre hinweg, diese Art des Hineinfühlens in meinem Inneren verschüttet lag, ich brauchte es nicht mehr, weil ich die Leute nun auch über ihre Worte verstand, aber in letzter Zeit kommt es wieder zum Vorschein.

Was hat dich so berührt, dass du hier geblieben bist?

Die Liebe. Ich bin Witwer, es werden jetzt sechs Jahre, dass meine Frau, Réka, mit 33 Jahren an Krebs gestorben ist. Ihr zu Gedenken spreche ich jetzt davon. Meine Quechua-Großmutter wusste offensichtlich, welche Fähigkeiten ich habe. Seit ich klein war, haben sie, mein Großvater und meine Onkels immer gesagt, dass ich keine Familie haben dürfte. Eigentlich weiß ich immer noch nicht warum, vielleicht weil früher ein Teil der Heiler, der Schamanen umherzog, damit sie von den Herrschenden nicht gefunden werden.

Wieso konntest du deine Frau nicht heilen?

Es gibt Dinge, die kann und darf man, und es gibt Dinge, die kann und darf man nicht. Natürlich gibt es Wunder, aber man darf ein Wunder nicht selbst „machen“. Wenn es geschieht, ist es in Ordnung, aber wir können es nicht kreieren. Als ich meine Frau kennenlernte, wusste ich bereits, dass sie krank war. Von ihr lernte ich Ungarisch, die Liebe. Ich glaube, wir haben uns das Leben gegenseitig sehr erleichtert und dass wir uns glückliche gemeinsame Jahre geschenkt haben. Es war für mich auch ein großes Geschenk, mit ihr gemeinsam das Leiden zu durchleben, denn wenn ich leidenden Menschen helfen möchte, muss ich Leid selbst erfahren haben. Wenn meine Frau nicht gewesen wäre, könnte ich nicht einem Menschen mit Familie helfen.

Wie bist du Heiler geworden?

Das Heilen habe ich zuerst von meiner Großmutter und dann von meinem Vater gelernt, oder besser gesagt, abgeschaut. Sie erzählten, sagten wahr, hielten Zeremonien ab, heilten die Leute, und ich war immer mit ihnen unterwegs. Während der Zeremonien reichte ich ihnen immer die Zeremoniegegenstände zu. Aber, wer ist eigentlich kein Heiler? Unbewusst heilen wir alle. Wir heilen uns alle gegenseitig, der Vater und die Mutter ihre Kinder, der Ehemann seine Frau, die Kinder ihre Mutter, der Freund seine Freundin. Meistens ist es besser, wenn die Leute nicht wissen, wie man bewusst heilt, denn wenn sie es wüssten und probieren würden und dann dabei in Gedanken sind, könnte es der Sache schaden. Jeder kann Heiler sein, aber wirklich zu heilen, das ist sehr schwer. Daher sage ich auch nicht, dass ich ein Heiler bin, sondern eher ein Mittler. Das ist richtiger, das Wort ist besser verständlich. Aber, wie man es nennt, ist eigentlich nicht so wichtig, wichtig ist das, was ich mit den Menschen mache. Wir suchen laufend Bezeichnungen für irgendetwas und darüber vergessen wir den Menschen. Die Unterweisungen, die ich erhalten habe, das Leben, das ich lebe, kann man nur schwer in Worte fassen. Ich kann nur versuchen, mich der Wahrheit anzunähern. Das, was ich mache, ist Geben, Freisetzen, das Freisetzen einer Schwingung, die ich in mir habe und die ich nicht in mir verschließen kann… Aber das Wesentliche ist, dass es meine Aufgabe ist, Energie zu übertragen.

Wie geht diese Energieübertragung vor sich?

Ich rede. Um Energie zu übertragen, muss man kein Zauberer sein. Ich erzähle etwas, trinke einen Tee, gehe mit dem, der zu mir kommt, spazieren, d.h. ich verhalte mich ganz normal mit ihm. Die Schwingung hilft dabei. Die Schwingung lässt sich nicht erklären. Sie ist ein Teil des Wunders. Durch sie ändert sich das Leben eines Menschen. Ich übertrage sie nur und helfe den Menschen insofern, dass ich ihr Leben vielleicht etwas einfacher mache, wenn sie Probleme allein nicht lösen können. Richtiger wäre es, nur den Weg zu einem besseren Leben zu zeigen, aber manchmal muss man auch neben der Person hergehen und ihr das Vertrauen geben, dass sie es auch allein schaffen kann. Vertrauen und Glaube sind starke Kräfte. Es hängt viel davon ab, wie sehr der Mensch glaubt, denn dann erreicht ihn meine Energie, und nicht nur meine, sondern auch die des Schöpfers, der Mutter Erde. Ich selbst brauche natürlich auch Vertrauen, denn ich weiß vorher nie, wie eine Heilsitzung abläuft. Bei jedem ist es anders.

Welche Gegenstände benutzt du? Soweit ich weiß, verwendest du auch in Schnaps getränkten Tabak, und zwar so, dass du ihn trinkst…

Zu den Gegenständen, die ich benutze, gehören: Tabak, Wasser, Räuchermittel, Pflanzen, Rasseln, Instrumente und mich selbst. Ich möchte aber nicht, dass das so klingt, als wäre es Hokuspokus. Daher erzähle ich lieber, was es mit dem Tabak auf sich hat, soweit ich es weiß. Bei einfacheren Zeremonien singe ich und rauche Tabak. Wenn ich in Schnaps getränkten Tabak trinke, dann handelt es sich um eine sehr intensive Zeremonie oder einen ernsthaft kranken Patienten. Auf der Welt hat alles zwei Seiten, eine positive und eine negative. Das Feuer spendet Wärme, aber zu viel oder zu starkes Feuer führt zur Katastrophe. Mit den Pflanzen ist es genau so. Man muss ihre Schwingung erfühlen. In Schnaps getränkter Tabak ist Gift. Das Ziel ist nicht, dass ich in Trance falle, sondern dass ich eine Schwingungsebene erreiche, die genau der Schwingung des Tabaks entspricht. Dann schadet er nicht… Tabak ist sehr mächtig und sehr bescheiden. Er gibt sehr viel und verlangt im Gegenzug gar nichts dafür. Die Kraft des Tabaks liegt darin, dass er nie etwas zurück haben will. Aber man kann nicht nur mit Tabak, sondern auch mit einfachem Wasser  auf eine hohe Schwingungsebene gelangen, oder auch mit den Klängen, die ich ertönen lasse. Bestimmte Klänge wirken sich positiv auf den Kopf aus, andere auf das Herz, den Bauch, die Nieren, die Eierstöcke, die Knie. Diese Klänge kommen einfach, ich habe nicht gelernt, welche Schwingung erforderlich ist, welches Werkzeug nötig ist. Ich versuche einfach, nicht zu denken, und wenn während einer Zeremonie etwas in mir entsteht, dann setze ich es um.

Verfasser: Csörgő Zoltán, Quelle: Magazin für Naturheilverfahren (Természetgyógyász Magazin), 2009